Kolumne - Neues Leben 

... aus dem WESER KURIER

Professoren auf Fahrrädern, Hausordnungen in Deutschland oder starke Gefühle - über all das hat der Syrer Samer Tannous Tagebuch geschrieben. Seine Geschichten sind in der Wümme-Zeitung nachzulesen.

Ein Syrer über sein Leben in Deutschland

Lust auf Austausch  von Hans-Jörg Werth 14.05.2018

Französischlehrer Samer Tannous kam Ende 2015 von Syrien nach Deutschland. Wie eine Art Tagebuch verarbeitet der 48-Jährige seine Erlebnisse in seiner neuen Heimat in kleinen Geschichten. (Maximilian von Lachner)

Landkreis Rotenburg. Samer Tannous (48) ist Syrer. Seit Dezember 2015 lebt er mit seiner Frau Hala und den beiden Kindern Christina (6) und Celina (4) nicht mehr in Damaskus, sondern in Rotenburg. Das gefährliche Leben mit täglicher Bedrohung in seiner Heimat hat der Familienvater gegen einen neuen Anfang in Deutschland eingetauscht. Mit dem Erlernen der deutschen Sprache, die der Lehrer für französische Literatur mittlerweile ziemlich leidlich spricht, hat er sich sein Ventil zur Bewältigung des Alltags geschaffen. Wie eine Art Tagebuch verarbeitet Samer Tannous seine Erlebnisse in kleinen Geschichten. 30 davon, zum Beispiel über den Postboten, Professoren auf Fahrrädern, Hausordnungen in Deutschland oder starke Gefühle, hat er bisher aufgeschrieben. „Ich möchte kommunizieren, diskutieren und Missverständnisse zwischen unterschiedlich geprägten Kulturen auflösen.“

Die ersten Wochen und Monate habe er Deutsch übers Internet gelernt, so Samer Tannous. Die Sprache ist der wesentliche Schlüssel zur erfolgreichen Integration, wusste Tannous früh. Als junger Mann mit 20 Jahren sei er bereits einmal fern seines Geburtsortes, einem kleinen Dorf etwa 40 Kilometer entfernt von der Universitätsstadt Al Hamah, im Ausland gewesen. Im französischen Nancy studierte er die Sprache und Literatur seines Gastlandes über sechs Jahre. Gute Erfahrungen und Erinnerungen habe er gesammelt. Das Heimweh führte ihn zurück. An der Universität Damaskus bekam Tannous danach eine Stelle als Hochschullehrer und Übersetzer für Französisch. Etwas später lernte er seine Frau Hala, gebürtig aus dem besagten Dorf, kennen und lieben.

Tannous’ Familie ist im christlichen Glauben aufgewachsen. Der Familienmensch schwärmt vom pulsierenden Großstadtleben in Damaskus und vom schönen und auch touristisch geprägten Leben in der Nähe von Al Hamah. „Im Winter ist es sehr kalt, und es leben dort nur etwa 3000 Einwohner, im Sommer sind es fast doppelt so viele.“ Im Zentrum der mittelsyrischen Ackerbauebene an der Fernstraße zwischen Aleppo und Damaskus gelegen, gehört Al Hamah zu den ältesten durchgehend besiedelten Städten Syriens. Tannous und seine Lieben haben schöne Bilder von dort im Herzen. Im Dezember 2010 beginnt mit dem arabischen Frühling eine Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in der Arabischen Welt. Seit mittlerweile sieben Jahren hat der Krieg inzwischen über 400 000 Tote gefordert.

Kein Strom, kein Benzin

„Wir haben die Raketen im Anflug über unserem Haus in Damaskus gehört“, sagt Tannous nüchtern. Die Gefahr auf dem Weg zur Arbeit an der dortigen Universität und wieder zurück war täglich greifbar. „Man wusste nie, ob man abends wieder heil zur Familie zurückkehrt und wie es umgekehrt den Lieben ergangen ist.“ Die Flucht von Damaskus ins heimatliche Dorf war eine vorübergehende Lösung. Denn auch hier wurde das (Über-)Leben immer schwieriger. Kein Strom, kein Benzin, kämpfende Soldaten auf dem abenteuerlichen Weg zur Arbeit in Al Hamah gehörten zum Alltag. „Wir konnten das als Eltern eines Tages einfach nicht mehr ertragen.“

Er habe sich 2015 für die Familienbande, zwei Brüder leben bereits in Rotenburg, und gegen seine französischen Freunde entschieden. Der Weg sei nicht einfach gewesen. Die ersten vier Monate habe er Deutsch im Internet gebüffelt, bevor er sich überhaupt hinaus getraut habe. Schmunzelnd und immer noch etwas erstaunt erzählt er über seine ersten Sprachübungen und sozialen Kontakte. Stolz über seine Fortschritte habe er einige Small-Talk-Übungen einstudiert, um die erstmalig am nächsten Morgen mit dem Postboten auszutauschen. Das Gespräch war dann aber kürzer als vermutet. „Danke und tschüss“, das war’s.

„Bei uns findet das Leben viel mehr draußen, wie auf einem großen Marktplatz, statt. Um in Deutschland Leute zu treffen und am sozialen Leben teilnehmen zu können, musst du in die Häuser kommen,“ sagt Tannous. Integration gestalte sich zudem schwierig, wenn kein Geld da ist. Denn auch entsprechende Kurse kosten. Acht Monate lebte er von der finanziellen Unterstützung seines Bruders, bis er sich eine eigene kleine Wohnung mit seiner Familie leisten konnte. Hospitanz, Hilfe, Freundschaft nennt der Lehrer seine Eckpfeiler, worauf er auch heute weiter aufbauen kann.

Seit fast zwei Jahren arbeitet Tannous 14 Stunden pro Woche in Teilzeit an der Realschule Rotenburg, außerdem als Lehrkraft am Ratsgymnasium Rotenburg und der IGS Rotenburg. Gemeinsam mit Gerd Hachmöller, der für Samer Tannous ebenfalls zum Freund geworden sei, hilft er als Dozent für Geflüchtete und Einheimische, arabische Lebens- und Denkweisen und Gewohnheiten besser zu verstehen. Namentlich erwähnen möchte er nicht nur die Lehrerkollegen um Schulleiter Sven Thiemer von der IGS Rotenburg. Mit dem früheren Zevener Schulleiter Elmar Wagner aus Scheeßel habe er einen tollen Unterstützer und inzwischen ebenfalls guten Freund gewonnen.

Nicht jeder Syrer lebt in Zelten in der Wüste, er sei unfreiwillig zum Flüchtling geworden, stören ihn klischeehafte Bewertungen. Seine Texte sollen eine Brücke sein zwischen Neuzugewanderten und Einheimischen und Mut zum Austausch machen. „Meine Heimat Syrien bleibt in meinem Herzen, aber wie es einmal war, existiert es nicht mehr,“ sagt Tannous. Jetzt gehe es darum, die Zukunft zu gestalten. Die Töchter Christina und Celina beginnen ihren Alltag in Rotenburg in der Grundschule und Kita.

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